Der Fall Anouk

ROMAN


 Erster Tag
 Erinnerungen

Auch die Stimme altert, dachte sie, und trotzdem erkennt man sie wieder. 

Es war seine Stimme, da war sie ganz sicher, ein wenig schnarrend und gepresst wie aus einer zu engen Kehle.

Sie blieb an der Tür zum großen Saal stehen, die halb offen war, und spähte über die Köpfe der Seminarteilnehmer nach vorn zum Tisch des Lehrers. 

Ja, das war er. Sie hätte ihn sofort erkannt, auch wenn sie nicht gewusst hätte, dass er es sein musste. Luc Dubois, der Dozent für literarisches Schreiben, der die Methode des fremden Blicks erfunden und ein halbes Dutzend Bücher über die Kunst und das Handwerk des Schriftstellers veröffentlicht hatte.

»Natürlich können Sie den Fall ungelöst lassen«, sagte er gerade in die Reihen seiner Zuhörer hinein. »Aber Ihre Leser werden damit nicht zufrieden sein. Eine Geschichte muss ein Ende haben, das keinen Raum für Fragen lässt.«

Er war womöglich noch etwas hagerer geworden und grau, aber wenn sie es nicht gestern ausgerechnet hätte, würde sie ihm die fast sechzig Jahre nicht geben. Er kam ihr jünger vor, vielleicht weil er Jeans trug und keine Krawatte oder weil seine Brille immer noch diese kreisrunden Gläser hatte. Harry-Potter-Brille hatte sie es damals genannt. Es gab dem Gesicht etwas Jungenhaftes.

»Die Regeln sind da, damit sie eingehalten werden«, sagte er als Antwort auf den Einwand einer Studentin. »Wenn man sie bricht, muss man die Folgen auf sich nehmen. Das ist beim Schreiben nicht anders als im wirklichen Leben.«

Er lächelte, freundlich und ein wenig spöttisch, und blickte in den Raum, prüfte die Wirkung seiner Worte. Auch das erkannte sie wieder, dieses Lächeln in dem mageren Gesicht, das sagte: Ich weiß es besser, aber ich will nicht mit euch streiten. Ich bin ein freundlicher Mensch.

Le professeur. So hatten sie ihn im Dorf genannt. Er wirkte einfach so. Die Art wie er sprach, wie er lächelte, wie er durch die Brillengläser schaute, wie ein Professor eben. Obwohl er damals noch gar keiner war. Aber schon damals konnte er alles erklären. Und schon damals stritt er nicht gern, hielt seinen Kritikern dieses Lächeln entgegen wie eine abwehrende Geste. 

War es möglich, dass er sich so wenig verändert hatte? Nach allem, was geschehen war?

Da sah er sie an der Tür stehen, hielt in der Bewegung inne und hob fragend die Brauen. Ob er sie erkannte?

»Oh, Elisabeth, komm doch herein«, rief eine Frauenstimme von der anderen Seite des Raumes her. Es war die Kursleiterin. Sie musste im selben Moment auf sie aufmerksam geworden sein und eilte ihr jetzt durch den Saal entgegen. 

»Ich habe dich schon angekündigt.« 

Sie wandte sich dem Dozenten zu: »Herr Dubois, das ist Frau Gerber, meine Vorgesetzte.«

Die Studierenden drehten die Köpfe. Sie hätte ihn lieber später begrüßt, mit weniger Publikum. Aber es gab kein Entrinnen.


2

Luc Dubois machte zwei Schritte hinter seinem Tisch hervor und sah ihr entgegen.

Eine Frau um die vierzig, schätzte er, mittelgroß, schlank, enge Jeans und eine kurze Cordjacke. Mit dem professionellen Lächeln der Gastgeberin trat sie auf ihn zu und reichte ihm die Hand. Die Haare waren dunkel und gelockt, helle Haut, Sommersprossen, die Augen grün ...

»Entschuldigen Sie, ich wollte nicht stören«, sagte sie.

Ein Erdrutsch. Ein paar Steine brachen von der Felskante, auf der er stand, und schlitterten prasselnd in die Tiefe. Aber er fing sich und sagte:

»Enchanté, Madame la Directrice.«

Einige der Kursteilnehmer grinsten. Er war schlagfertig, der Professor. Er hatte ihnen heute seine Methode des fremden Blicks erläutert. Der Autor soll sich vom Gebrauch der Worte und Bilder in einer fremden Sprache anregen lassen. Luc Dubois schöpfte seine Beispiele gerne aus dem Französischen und verwies dabei auch auf das, was er die französische Überschwänglichkeit nannte. Nehmen Sie es wörtlich, sagte er, und lassen Sie es wirken. Ich bin entzückt, meine Dame die Direktorin. 

Aber es war ihm herausgerutscht und Elisabeth Gerber wusste das. Mit diesen spöttischen Worten hatte er sie jeden Morgen begrüßt, in jenem Sommer vor zwanzig Jahren, als sie ihr französisches Abitur geschafft hatte, das Baccalaureat in der Tasche trug, und ihr Stiefvater so stolz auf sie war, dass er jedem sagte, sie würde bestimmt einmal eine Direktorin werden.

»Haben Sie etwas dagegen, den Unterricht für heute zu beenden?«

Sie wartete seine Antwort nicht ab und wandte sich zu den Zuhörern. »Es ist schon spät und Herr Dubois ist ja morgen auch noch da. Genießen Sie den Abend.«

Die Leute begannen ihre Sachen zusammenzupacken. Einige trollten sich schnell, ein paar standen noch herum, hatten Fragen an die Kursleiterin oder an Frau Gerber.

Luc ging zur Fensterbank, wo er seine Unterlagen abgelegt hatte. Er blätterte sie durch, als müsse er sich vergewissern, dass keine Seite fehlte, schob sie in die Ledermappe, suchte die Stifte zusammen, verstaute den Laptop und zog die kleine Flasche mit dem Brillenreinigungsspray aus dem Rucksack.

Sie trug keine Brille.

Der Geruch des Reinigungsmittels stieg ihm scharf in die Nase. Sie war es nicht. Er hatte sich getäuscht. Es war ein langer Tag gewesen. Er war müde. Es war dämmrig in dem Raum, die Luft verbraucht, seine Brille war verschmiert und es war zwanzig Jahre her. Es konnte gar nicht sein.

Er drehte sich um. Sie stand in der Mitte des Raums und sah zu ihm herüber. 

»Kommen Sie«, sagte sie, als ob sie seine Verwirrung nicht bemerkte, »ich zeige Ihnen das Hotel.«

Er nahm seinen Rucksack auf und folgte ihr durch das enge Treppenhaus ins Freie.

Auf der Dorfstraße mussten sie hintereinandergehen. Ein hochbeladener Traktor kroch ihnen entgegen. Er zog ein Jauchefass hinter sich her und eine Kolonne ungeduldiger Autos. Die Leute wollten nach Hause zum Abendessen. Aber die Dorfstraße war eng. Die Autoabgase vermischten sich mit der Ausdünstung des Jauchewagens. Der Motor des Traktors dröhnte in seinen Ohren und brachte das Zwerchfell zum Vibrieren. Das ist nun also der idyllische Schwarzwald mit Ruhe und gesunder Luft, dachte er verstimmt. 

Das Jauchefass tropfte und zog eine wackelige Spur auf dem löchrigen Pflaster. Die Direktorin hielt sich so dicht wie möglich an den Hausmauern und Gartenzäunen. Sie ging schnell, als wollte sie ihn abhängen, aber ab und zu wandte sie sich halb nach ihm um, um zu sehen, ob er ihr folgte.

Und er folgte ihr. Benommen und verwirrt, als hätte er eben eine ganz unglaubliche Nachricht erhalten. Alles stimmte. Seltsam, dachte er, man erkennt einen Menschen viel sicherer an der Art, wie er sich bewegt, wie er den Kopf trägt, wie er die Tasche auf die Schulter schwingt, die Füße setzt beim Gehen, sich umdreht und zurückschaut. Man braucht das Gesicht nicht zu sehen, um einen Bekannten aus der Ferne zu erkennen. Auch wenn man nicht sagen könnte, warum man so sicher ist. 

Im Eingang des Hotels zur Linde blieb sie stehen. 

»Wir sehen uns beim Abendessen«, sagte sie. »Ich wohne auch hier. Ich habe mir erlaubt, uns auf 19 Uhr einen Tisch zu reservieren. À toute!« 

Leichtfüßig lief sie die Treppe hinauf. Er sah ihr nach, sprachlos.

À toute, sagte sie, bis später. Nicht à toute à l’heure, wie es zwar auch nicht besonders formell, aber wenigstens korrekt geheißen hätte, sondern diese flapsige, familiäre Kurzform. Wie sie es damals immer zueinander gesagt hatten.

»Guten Abend, Herr Dubois. Haben Sie gut angefangen?«

Ein gemütlicher Herr mit wirrem grauem Haar war hinter der Empfangstheke erschienen. Zweifellos der Wirt des Hotels zur Linde. Er reichte ihm einen Schlüssel. 

»Zimmer 25, zweiter Stock.«

»Oh ja, danke.«